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Literatur-Update Implantologie & Parodontologie

Einleitung:

Alle 6 – 8 Wochen stellen wir Ihnen aktuelle wissenschaftliche Publikationen aus der Implantologie und Parodontologie vor. Wir fassen die wichtigsten Erkenntnisse kompakt zusammen und zeigen, was diese Ergebnisse konkret für die tägliche Praxis bedeuten – mit direktem Mehrwert für unsere überweisenden Kolleginnen und Kollegen.

Aktuelle Konzepte zur Behandlung der Periimplantitis

Eine narrative Literaturübersicht mit besonderem Fokus auf die Arbeiten von Jan Derks

Abstract

Die Periimplantitis stellt eine der zentralen biologischen Komplikationen der dentalen Implantologie dar und ist durch eine biofilminduzierte Entzündung der periimplantären Gewebe mit progressivem Knochenverlust gekennzeichnet. Trotz hoher Implantatüberlebensraten bleibt die langfristige Kontrolle periimplantärer Erkrankungen eine klinische Herausforderung. Ziel dieser narrativen Literaturübersicht ist es, evidenzbasierte Therapiekonzepte zur Behandlung der Periimplantitis darzustellen, mit besonderem Schwerpunkt auf den epidemiologischen, klinischen und therapeutischen Arbeiten von Jan Derks.

Neben nicht-chirurgischen und chirurgischen Therapieansätzen werden Defektmorphologie, Prognosefaktoren, Langzeitergebnisse sowie klinische Implikationen für die tägliche Praxis diskutiert.

1. Einleitung

Mit der zunehmenden Verbreitung dentaler Implantate gewinnt die Periimplantitis als biologische Komplikation zunehmend an klinischer Relevanz. Im Gegensatz zur periimplantären Mukositis ist die Periimplantitis mit einem irreversiblen Knochenverlust assoziiert und weist eine eingeschränkte therapeutische Vorhersagbarkeit auf. Die Arbeiten von Jan Derks haben wesentlich zum Verständnis der Prävalenz, Progression und Behandlung dieser Erkrankung beigetragen und bilden eine wichtige Grundlage für moderne Therapiealgorithmen [2 – 4].

2. Krankheitsverlauf und Progression

Epidemiologische und longitudinale Untersuchungen aus schwedischen Kohorten zeigen, dass Periimplantitis häufig früh nach Implantatinsertion beginnt und einem nichtlinearen Progressionsmuster folgt. Phasen relativer Stabilität können von akzelerierten Knochenabbauschüben unterbrochen werden, was die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnostik und Intervention unterstreicht [3]. Diese Erkenntnisse haben wesentliche Implikationen für die Therapiestrategie und das Nachsorgekonzept.

3. Behandlung der Periimplantitis — ein therapeutisches Stufenkonzept

Die Behandlung der Periimplantitis erfordert ein strukturiertes, indikationsabhängiges Vorgehen. Maßgeblich für die Therapieentscheidung sind das Ausmaß der entzündlichen Aktivität, die Morphologie des periimplantären Knochendefekts, patientenspezifische Risikofaktoren sowie prothetische und ästhetische Rahmenbedingungen. Entsprechend der aktuellen Evidenz lässt sich die Therapie in vier aufeinander aufbauende Behandlungsstufen gliedern [1,4].

3.1 Nicht-chirurgische Therapie (Stufe 1)

Nicht-chirurgische Maßnahmen stellen den initialen Therapieschritt dar und dienen primär der Reduktion der entzündlichen Aktivität sowie der bakteriellen Last. Die Behandlung umfasst die mechanische Dekontamination der Implantatoberfläche mittels implantatschonender Instrumente, gegebenenfalls ergänzt durch Air-Polishing-Verfahren. Darüber hinaus sind eine strukturierte Mundhygieneinstruktion, die Beseitigung iatrogener Faktoren wie Zementreste oder überkonturierte Suprakonstruktionen sowie die Kontrolle systemischer Risikofaktoren essenziell [5-7].

Systematische Übersichtsarbeiten zeigen jedoch, dass nicht-chirurgische Therapien bei etablierter Periimplantitis mit Knochenverlust nur begrenzte Wirksamkeit aufweisen. Zwar können Entzündungsparameter reduziert werden, eine stabile Krankheitsresolution wird jedoch selten erreicht. Entsprechend dient diese Behandlungsstufe vor allem der Vorbereitung weiterer therapeutischer Maßnahmen [5,6].

3.2 Chirurgische Zugangstherapie (Stufe 2)

Persistiert die Entzündung nach Initialtherapie oder liegen initial tiefe periimplantäre Taschen vor, ist eine chirurgische Zugangstherapie indiziert. Ziel ist die direkte Sicht auf den Defekt, die vollständige Entfernung von Granulationsgewebe sowie eine effektive Dekontamination der Implantatoberfläche. Die Zugangstherapie bildet die Grundlage nahezu aller weiterführenden chirurgischen Behandlungsformen [1,5].

Klinische Studien berichten Verbesserungen der Sondierungstiefen und Entzündungsparameter, ohne dass ein relevanter Knochengewinn erzielt wird. Daher stellt diese Maßnahme in der Regel keinen Endpunkt der Therapie dar, sondern ist Teil eines weiterführenden resektiven oder rekonstruktiven Vorgehens [5,8].

3.3 Resektive chirurgische Therapie (Stufe 3)

Resektive chirurgische Verfahren zielen auf die Elimination pathologischer periimplantärer Taschen und die Schaffung langfristig gut reinigbarer anatomischer Verhältnisse ab. Zu den Maßnahmen zählen osteoplastische oder ostektomische Knochenkonturierungen, apikal positionierte Lappen sowie gegebenenfalls die Glättung freiliegender Implantatoberflächen. Der Fokus liegt auf funktioneller Krankheitskontrolle und weniger auf der Wiederherstellung verlorener Knochenstrukturen [8,9].

Diese Therapieform ist insbesondere bei supraossären oder horizontalen Defekten sowie in nicht ästhetisch relevanten Regionen indiziert. Die Erfolgswahrscheinlichkeit hinsichtlich Taschenelimination ist hoch, allerdings geht das Vorgehen häufig mit ausgeprägten Weichgeweberezessionen einher [9].

3.4 Rekonstruktive bzw. regenerative chirurgische Therapie (Stufe 4)

Rekonstruktive Therapiekonzepte zielen auf die Auffüllung intraossärer oder kombinierter periimplantärer Defekte ab, um das knöcherne Niveau zu verbessern und Rezessionen zu begrenzen. Nach chirurgischem Zugang und gründlicher Dekontamination der Implantatoberfläche werden Knochenersatzmaterialien eingesetzt, teilweise in Kombination mit Membranen oder biologischen Zusatzverfahren [10,11].

Einen zentralen Beitrag zur Evidenzlage liefern die multizentrischen randomisierten klinischen Studien von Derks und Kolleg:innen, die signifikante Verbesserungen klinischer Parameter und radiologische Hinweise auf Defektauffüllung nach rekonstruktiver Therapie zeigen [4]. Der zusätzliche Nutzen einzelner Biomaterialien ist jedoch nicht konsistent belegt und stark von der Defektmorphologie abhängig [10,11].

4. Therapiealgorithmus bei Periimplantitis

  1. Diagnose & Risikoanalyse
    • BoP/Suppuration, PPD, radiologischer Knochenverlust
    • Risikofaktoren (Parodontitis, Rauchen, Diabetes, Mundhygiene)
  2. Stufe 1: Nicht-chirurgische Therapie
    • Mechanische Dekontamination
    • Risikofaktorkontrolle
    • → Re-Evaluation nach 6 – 12 Wochen
  3. Persistierende Entzündung / PPD 5 ≥ 6 mm
    • → chirurgische Therapie erforderlich
  4. Stufe 2: Chirurgische Zugangstherapie
    • Granulationsgewebeentfernung
    • Oberflächendekontamination
  5. Defektmorphologie beurteilen
    • Supraossär / horizontal → resektive Therapie (Stufe 3)
    • Intraossär / kombiniert, ästhetisch relevant → rekonstruktive Therapie (Stufe 4)
  6. Langzeitmanagement
    • Supportive Implantattherapie (3 – 6 Monate)
    • Früherkennung von Rezidiven [1,13,14]

5. Schlussfolgerung

Die Behandlung der Periimplantitis erfordert ein strukturiertes, stufenweises Vorgehen. Nicht-chirurgische Maßnahmen sind essenziell zur initialen Entzündungsreduktion, reichen jedoch bei manifestem Knochenverlust nicht aus. Chirurgische Verfahren stellen daher häufig den entscheidenden Therapieschritt dar. Die Arbeiten von Jan Derks zeigen, dass insbesondere rekonstruktive Verfahren bei geeigneter Defektmorphologie klinisch relevante Verbesserungen ermöglichen, jedoch nur im Rahmen einer konsequenten Nachsorge langfristig stabil bleiben.

Literatur

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  • 2. Derks J, Schaller D, Håkansson J, Wennström JL, Tomasi C, Berglundh T. Effectiveness of implant therapy analyzed in a Swedish population: prevalence of peri-implantitis and risk indicators. Journal of Dental Research. 2016;95(1):43 – 49. doi: 10.1177/0022034515608832
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  • 4. Derks J, Carcuac O, Abrahamsson I, et al. Reconstructive surgical therapy ofperi-implantitis: a multicenter randomized controlled clinical trial. Journal of Clinical Periodontology. 2022;49(9):845 – 856. doi: 10.1111/jpce.13664

Nicht-chirurgische Therapie / Adjunktive Maßnahmen

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Chirurgische Therapie - resektiv

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Chirurgische Therapie — rekonstruktiv I regenerativ

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Langzeitoutcomes & Rezidivrisiko

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  • 13. Carcuac O, Derks J, Abrahamsson I, Wennström JL, Berglundh T. Risk for recurrence of disease following surgical therapy of peri-implantitis. Journal of Clinical Periodontology. 2020;47(2):273 – 284. doi:10.1111/jcpe. 13216
  • 14. Romandini M, Lima C, Pedrinaci I, Araoz A, Soldini MC, Sanz M. Clinical outcomes and prognostic factors of surgical treatment of peri- implantitis: a systematic review and meta-analysis. Clinical Oral Implants Research. 2024;35(1):3 – 23. doi:10.1111/clr.14129